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Volksdeutsche
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Volksdeutsche war seit etwa 1900, vor allem aber in der Zeit des Nationalsozialismus eine Bezeichnung fĂŒr auĂerhalb des Deutschen Reichs in den Grenzen von 1937 und Ăsterreichs lebende Personen deutscher Volkszugehörigkeit und nichtdeutscher Staatsangehörigkeit, vor allem in Ost- und SĂŒdosteuropa. Davor war es ĂŒblich, sie als âAuslandsdeutscheâ zu bezeichnen.cite-ref-1[1]
Nach 1945 wurden das ReichsbĂŒrgergesetz von 1935 und die zugehörigen Verordnungen, die den nationalsozialistischen Begriff der Volkszugehörigkeit auf âdeutsches und artverwandtes Blutâ zurĂŒckfĂŒhrten, auĂer Kraft gesetzt. Der Volksbund fĂŒr das Deutschtum im Ausland, der fĂŒr die SS die politischen Organisationen der âVolksdeutschenâ gefĂŒhrt hatte, wurde 1945 mit dem Kontrollratsgesetz Nr. 2 verboten. Im Artikel 116 des Grundgesetzes wurde der Begriff der deutschen Volkszugehörigkeit neu bestimmt und die Frage der deutschen Staatsangehörigkeit geregelt.
Contents
âą Siehe auch
âą Literatur
âą Weblinks
âą Einzelnachweise
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Völkische Bewegung
Nach dem Ersten Weltkrieg war in der Völkischen Bewegung die Ideologie der Volksgemeinschaft dominierend. Sie zielte auf die Zerschlagung der Weimarer Republik und auf die Auflösung der Nachkriegsabkommen in Europa. Ideologische und personelle Ăberschneidungen gab es zu den Jungkonservativen, zur Konservativen Revolution und der Jugendbewegung sowie zur Deutschen Gildenschaft. Eine der wichtigsten Institutionen war unter anderen die âDeutsche Gesellschaft fĂŒr NationalitĂ€tenrechtâ, geleitet von Max Hildebert Boehm.
Nationalsozialismus
WĂ€hrend des nationalsozialistischen Regimes wurde das Reichs- und Staatsangehörigkeitsgesetz (RuStAG) vom 22. Juli 1913, dem ursprĂŒnglich das Abstammungsrecht des ius sanguinis zugrunde lag, mit Hilfe eines Rassekriteriums und den NĂŒrnberger Gesetzen von 1935 zwar formell nicht geĂ€ndert, aber sehr wohl die âhergebrachte Staatsangehörigkeitskonzeption funktionell umgekehrtâ.cite-ref-2[2] ZwangsausbĂŒrgerungen ohne Zutun und gegen den Willen des Betroffenen (Expatriierungen) waren damit möglich und ĂŒblich.cite-ref-3[3] âDeutsches oder artverwandtes Blutâcite-ref-4[4] sollte reingehalten und âArtfremde aus dem deutschen Volkskörper ausgeschiedenâ werden. Mit der territorialen Expansion des Deutschen Reiches ab 1938 stellte sich die Aufgabe, nicht nur Juden auszuschlieĂen, deren âBlutszugehörigkeitâ durch das Kriterium âReligionâ ersetzt wurde, sondern auch Teile der Bevölkerung der als deutsches Staatsgebiet annektierten Gebiete als âVolksdeutscheâ in das deutsche Volk aufzunehmen.
In einem Runderlass des Reichsministeriums des Innern vom 29. MĂ€rz 1939 (RMBliV, S. 783) wird der Begriff âdeutscher Volkszugehörigerâ folgendermaĂen definiert:
âDeutscher Volkszugehöriger ist, wer sich als Angehöriger des deutschen Volkes bekennt, sofern dieses Bekenntnis durch bestimmte Tatsachen, wie Sprache, Erziehung, Kultur usw. bestĂ€tigt wird. Personen artfremden Blutes, insbesondere Juden, sind niemals deutsche Volkszugehörige, auch wenn sie sich bisher als solche bezeichnet haben.âcite-ref-5[5]
Die Kategorie âdeutscher Volkszugehörigerâ ist also im Nationalsozialismus als Summe der deutschen Staats- oder ReichsbĂŒrger (folglich unter Ausschluss âartfremder Personenâ)cite-ref-6[6] und aller Volksdeutschen unabhĂ€ngig von ihrer Staatsangehörigkeit zu verstehen (âReichsdeutscheâ und âVolksdeutscheâ).cite-ref-7[7] Entscheidend fĂŒr die Zuerkennung dieser bĂŒrgerlichen RechtsfĂ€higkeit und staatsbĂŒrgerlicher Rechte sollten demnach Rassezugehörigkeit und BewĂ€hrung in der völkischen Gemeinschaft sein.cite-ref-8[8] GemÀà den NĂŒrnberger Gesetzen konnten somit nur Volksdeutsche âReichsbĂŒrgerâ werden.cite-ref-9[9]
Wer im Protektorat Böhmen und MĂ€hren (in den eingegliederten Gebieten der ĂŒbrigen Tschecho-Slowakischen Republik) und vor allem im besetzten Polen als âArtfremderâ und wer als âVolksdeutscherâ galt, wurde nicht mehr nach der Abstammung allein entschieden. Es wĂ€ren zu wenige gewesen, zumal sich die deutsche Herrschaft auf vormals fremdem Gebiet auch ĂŒber das Konstrukt der âVolksdeutschenâ legitimierte. Deswegen wurden Volksdeutsche auch ĂŒber kulturelle Faktoren bestimmt, ĂŒber Sprache, Erziehung, Kultur, nach dem Selbstbekenntnis sowie dem Verhalten unter polnischer Herrschaft. Entsprechend konnte die Einstufung als Volksdeutscher verweigert werden, wer zwar deutscher Abstammung, aber zu stark âpolonisiertâ war.
Der zahlenmĂ€Ăig gröĂte Anteil der als âVolksdeutscheâ Bezeichneten lebte in Ost- und SĂŒdosteuropa.
Ăsterreich wurde 1938 angeschlossen, die Option in SĂŒdtirol sollte die Situation dort regeln.
Mitte 1938 lebten nach nationalsozialistischen Kriterien etwa 8,6 Millionen Deutsche auĂerhalb der östlichen Reichsgrenzen: in der Tschechoslowakei (hauptsĂ€chlich Sudetenland, 3,48 Millionen Sudetendeutsche), in Polen (Polnischer Korridor, Ostoberschlesien, 1,15 Millionen), RumĂ€nien (0,75 Millionen), in Ungarn (0,6 Millionen), Jugoslawien (0,55 Millionen) und in der Sowjetunion (1,15 Millionen) und weitere 0,6 Millionen in Estland, Lettland, Litauen (Memelland) und in der Freien Stadt Danzig. Diese Staaten waren teils zeitweise mit Deutschland verbĂŒndet oder sie wurden im Kriegsverlauf deutsch besetzt, und es wurden mit der Kampagne âHeim ins Reichâ Umsiedlungen vorgenommen. Infolge des Zweiten Weltkriegs ging die Masse dieser Volksdeutschen durch die Flucht und Vertreibung Deutscher aus Mittel- und Osteuropa 1945â1950 in der Gruppe der Vertriebenen auf.cite-ref-10[10]
Am 23. Oktober 1939 verfĂŒgte der Reichsstatthalter von Posen: âWer in der Deutschen Volksliste gefĂŒhrt wird, ist Deutscher.âcite-ref-11[11]
Die Bevölkerung in Polen wurde daraufhin in fĂŒnf Personengruppen eingeteilt:
âą Gruppe A: âPersonen, die sich im Volkstumskampf aktiv hervorgetan habenâ;
âą Gruppe B: âPersonen, die sich zwar nicht aktiv fĂŒr das Deutschtum eingesetzt haben, sich aber ihr Deutschtum bewahrt habenâ;
âą Gruppe C: âDeutschstĂ€mmige, die im Laufe der Jahre Bindungen an das Polentum aufgenommen haben, die aber aufgrund ihres Verhaltens die Voraussetzungen in sich tragen, vollwertige Mitglieder der deutschen Volksgemeinschaft zu werdenâ;
âą Gruppe D: âDeutschstĂ€mmige, die im Polentum aufgegangen sind, sich aber nicht aktiv gegen das Deutschtum vergangen habenâ;
âą Gruppe E: âDeutschstĂ€mmige mit polnischem Nationalbewusstsein und erwiesener deutschfeindlicher BetĂ€tigungâ.
Die Gruppen A, B und C erhielten den Ausweis der Deutschen Volksliste.cite-ref-12[12]
ElsĂ€sser und Lothringer wurden als Volksdeutsche zum Dienst in der deutschen Wehrmacht oder SS durch völkerrechtswidrige Verordnung vom 24. August 1942 gezwungen, obwohl sie französische StaatsbĂŒrger waren. 130.000 wurden so als MalgrĂ©-nous eingezogen, von denen 32.000 fielen und 10.500 vermisst blieben.
Die entsprechenden Eingruppierungen wurden von bundesdeutschen Gerichten nach Inkrafttreten des BVFG bei Streitigkeiten ĂŒber die âdeutsche Volkszugehörigkeitâ bei Aussiedlerfamilien aus Polen als Grundlage fĂŒr ihre Urteile herangezogen.cite-ref-13[13]
Die Siedlungsgebiete der Volksdeutschen sind heute gröĂtenteils Geschichte, da diese nach den Verbrechen in den wĂ€hrend des Zweiten Weltkriegs besetzten LĂ€ndern Ost- und SĂŒdosteuropas, bei denen auch Volksdeutsche mitwirkten, zu einem groĂen Teil flohen bzw. deportiert, vertrieben oder getötet wurden. Mehrheitlich lieĂen sie sich in Deutschland in seinen heutigen Grenzen und in Ăsterreich nieder, teilweise auch â so die Mehrheit der Gottscheer â unter Aufgabe der ethnischen IdentitĂ€t in den USA.
Siehe auch
:
Volksgenosse
und
deutschblĂŒtig
Koordination âvolksdeutscherâ Organisationen im Ausland
Die Nationalsozialistische Deutsche Arbeiterpartei (NSDAP) verfĂŒgte neben den einzelnen Gauen (vgl. Struktur der NSDAP) mit ihrer Auslandsorganisation, der NSDAP/AO, auch ĂŒber einen eigenen Gau, der sowohl fĂŒr die Volksdeutschen als auch die âReichsdeutschenâ im Ausland organisiert wurde.
Die NSDAP/AO betreute die Reichsdeutschen im Ausland, das Hauptamt Volksdeutsche Mittelstelle sorgte sich um die ethnischen Deutschen im Ausland, die vielfach lokal etablierten âVolksgruppenfĂŒhrernâ unterstanden.
Volksdeutsche Bewegung
Im Zuge der Germanisierungspolitik in Luxemburg nach dem Einmarsch der Wehrmacht am 10. Mai 1940 (siehe auch Westfeldzug) wurde aus der bisherigen nationalsozialistisch orientierten Gesellschaft fĂŒr deutsche Literatur und Kunst die Volksdeutsche Bewegung geschaffen, deren Mitglieder sich fĂŒr den Anschluss des Landes an das Deutsche Reich starkgemacht hatten. Ein Referendum am 10. Oktober 1941, das den Anschluss legitimieren sollte, scheiterte am Festhalten der Luxemburger an ihrer eigenen regionalen IdentitĂ€t und SouverĂ€nitĂ€t.
Volksdeutsche in der Waffen-SS
Nachdem die Werbung von Freiwilligen fĂŒr die Waffen-SS im âarischenâ Ausland (z. B. Norwegen) relativ erfolglos war, sah sich die FĂŒhrung gezwungen, anderswo nach neuem Personal zu suchen, um die immer höher werdenden Verluste zu decken. Das geschah vor allem bei den Volksdeutschen auf dem Balkan, z. B. bei den Donauschwaben. So kam es u. a. zur Aufstellung der 7. SS-Freiwilligen-Gebirgs-Division âPrinz Eugenâ, wobei Angehörige der deutschen Minderheit zum Teil zwangsverpflichtet wurden. AuĂerdem kĂ€mpften âVolksdeutscheâ in der nominell kroatisch-bosnischen 13. Waffen-Gebirgs-Division der SS (âHandscharâ).
Siehe auch
:
AuslÀndische Freiwillige der Waffen-SS
Deutsche Volkszugehörigkeit nach 1945
Heute wird der Begriff âVolksdeutscherâ oft im Zusammenhang mit der âvölkischenâ Ideologie des Nationalsozialismus benutzt. In der Geschichts- und Sozialwissenschaft findet der untechnische Begriff immer noch praktische Verwendung (zum Teil in AnfĂŒhrungszeichen), um die historische Spezifik dieser âethnischen Deutschenâ vor 1945 im Unterschied zu den Reichsdeutschen zu bezeichnen, beispielsweise in der Forschung zur Integration von Aussiedlern und SpĂ€taussiedlern.
Weiterhin in Gebrauch ist der Begriff âVolksdeutscherâ allerdings beim deutschen Bund der Vertriebenen und dem Verband der Volksdeutschen Landsmannschaften Ăsterreichs, vorĂŒbergehend war er dies auch bei der in Osijek ansĂ€ssigen âVolksdeutschen Gemeinschaft â Landsmannschaft der Donauschwaben in Kroatienâ,cite-ref-14[14] jetzt nur noch âDeutsche Gemeinschaft â Landsmannschaft der Donauschwaben in Kroatienâ.cite-ref-15[15]
Grundgesetz seit 1949 und Vertriebenengesetz
In der heutigen Rechtsliteratur wird âVolksdeutscherâ noch teilweise bei der Auslegung bestimmter Normen gebraucht. Das Grundgesetz fĂŒr die Bundesrepublik Deutschland verwendet den Begriff der deutschen Volkszugehörigkeit (Art. 116 Abs. 1 GG) fĂŒr Deutsche, die bei Aufnahme im Bundesgebiet trotz fehlender deutscher Staatsangehörigkeit nicht als AuslĂ€nder zu behandeln sind.cite-ref-16[16] Im § 6 Abs. 1 des Bundesvertriebenengesetzes (BVFG, d. i. Gesetz ĂŒber die Angelegenheiten der Vertriebenen und FlĂŒchtlinge) findet sich eine nĂ€here Bestimmung. Demnach ist ein deutscher Volkszugehöriger eine Person, die sich in ihrer (auĂerdeutschen) Heimat âzum deutschen Volkstum bekannt hat, sofern dieses Bekenntnis durch bestimmte Merkmale wie Abstammung, Sprache, Erziehung, Kultur bestĂ€tigt wirdâ.cite-ref-17[17] Wer âeine Funktion ausgeĂŒbt hat, die fĂŒr die Aufrechterhaltung des kommunistischen Herrschaftssystems gewöhnlich als bedeutsam galt oder auf Grund der UmstĂ€nde des Einzelfalles warâ, kann sich gemÀà § 5 BVFG nicht erfolgreich darauf berufen, als deutscher Volkszugehöriger Verfolgungen ausgesetzt gewesen zu sein, hat mithin auch keinen Anspruch darauf, als SpĂ€taussiedler anerkannt zu werden. Ebenso keinen Rechtsanspruch auf eine Anerkennung als SpĂ€taussiedler hat allerdings, wer âin den Aussiedlungsgebieten der nationalsozialistischen oder einer anderen Gewaltherrschaft erheblich Vorschub geleistet hatâ. In einer Verwaltungsvorschrift heiĂt es dazu: âEin erhebliches Vorschubleisten setzt die Entfaltung von persönlicher Initiative und von TĂ€tigkeiten voraus, die dazu bestimmt und geeignet waren, den Herrschaftsanspruch des jeweiligen totalitĂ€ren Systems zu festigen oder WiderstĂ€nde gegen dieses System zu unterdrĂŒcken.â FĂŒr das kommunistische System der UdSSR wird dazu nĂ€her definiert: âBei hauptamtlichen ParteifunktionĂ€ren der KPdSU kann von einer systemerhaltenden Funktion ausgegangen werden. Dagegen kann weder aus der einfachen Parteimitgliedschaft noch aus der Tatsache, dass eine FunktionsausĂŒbung in der Regel an die Parteimitgliedschaft gebunden war, auf die Bedeutsamkeit der Funktion fĂŒr die Aufrechterhaltung des kommunistischen Herrschaftssystems geschlossen werden.âcite-ref-18[18]
Die Ăbereinstimmungen des § 6 Abs. 1 BVFG mit dem o. g. Runderlass des Reichsinnenministeriums von 1939, in dem die Passagen ĂŒber das âartfremde Blutâ entfernt wurden, lĂ€sst sich dadurch erklĂ€ren, dass zum Zeitpunkt der Verabschiedung des BVFG der vormalige Ministerialrat im Reichsinnenministerium, Hans Globke, Ministerialdirektor bzw. StaatssekretĂ€r im Bundeskanzleramt war.
Hans Globke hatte in einem Schreiben an das Reichsinnenministerium vom 15. MĂ€rz 1934 trotz der Ablehnung einer Politik der âGermanisierungâ durch Adolf Hitler versucht, die spĂ€tere Politik des Einbezugs Nicht-Deutscher in die Kategorie des âdeutschen Volkszugehörigenâ zu rechtfertigen:
âEin Germanisieren liegt aber meines Erachtens dann nicht vor, wenn ein nicht deutscher Volksteil oder einzelne seiner Angehörigen aufgrund etwa ihrer Ăberzeugung von der Höherwertigkeit deutscher Kultur freiwillig im deutschen Volkstum aufgehen und seine Kultur aufnehmen wollen. [âŠ] So ist [âŠ] das deutsche Volkstum als so krĂ€ftig anzusehen, dass es Teile fremden Volkstums arischer Rasse, die sich gesinnungsmĂ€Ăig zu ihm bekennen, ohne Schaden aufnehmen kann.âcite-ref-19[19]
Das Oberste Gericht der DDR warf Globke in dem gegen ihn gefĂŒhrten Strafprozess 1963 vor, in den ab 1938 vom nationalsozialistischen Deutschland besetzten Gebieten trotz der Beteuerung des Gegenteils eine Politik der Germanisierung betrieben und sich damit strafbar gemacht zu haben. Viele von denen, fĂŒr die sich Globke bereits 1934 eingesetzt hatte und die nur aufgrund ihrer Gesinnung âdeutsche Volkszugehörigeâ wurden, wurden gemÀà dem BVFG nach dessen Inkrafttreten ebenfalls als solche anerkannt.
Siehe auch
:
Statusdeutscher
Abgrenzung: âDeutscher Volkszugehörigerâ und âDeutschstĂ€mmigerâ
â
Hauptartikel
:
DeutschstÀmmige
Rechtlich angewandt wurde und wird der Begriff âdeutscher Volkszugehörigerâ grundsĂ€tzlich nicht auf solche ehemaligen deutschen StaatsbĂŒrger und ihre Nachkommen, die freiwillig aus ihrer Heimat in LĂ€nder ausgewandert sind, welche nicht in der Zeit von 1945 bis 1990 kommunistisch regiert waren, und die die Staatsangehörigkeit ihres neuen Heimatlandes angenommen haben. Ein Deutsch-Amerikaner gilt also nicht als âdeutscher Volkszugehörigerâ, wenn er die deutsche StaatsbĂŒrgerschaft abgelegt hat, und wird in Deutschland rechtlich wie jeder Nicht-EU-AuslĂ€nder behandelt. Hintergrund der Unterscheidung zwischen den AufnahmelĂ€ndern ist die Annahme, dass das âBekenntnis zum deutschen Volkstumâ nur in kommunistisch regierten LĂ€ndern zu einer Verfolgung aus ethnischen GrĂŒnden gefĂŒhrt habe, die eine Verpflichtung deutscher Staatsorgane zur Aufnahme der Verfolgten (der âVertriebenenâ) in Deutschland zur Folge habe.
Einen Sonderfall stellen dĂ€nische StaatsbĂŒrger deutscher Volkszugehörigkeit dar: Im deutsch-dĂ€nischen Abkommen vom 29. MĂ€rz 1955 erklĂ€rt die dĂ€nische Regierung: âDas Bekenntnis zum deutschen Volkstum und zur deutschen Kultur ist frei und darf von Amts wegen nicht bestritten oder nachgeprĂŒft werden.âcite-ref-20[20] Diese Regelung nimmt Bestimmungen ĂŒber den Status von deutschen Minderheiten vorweg, die in den 1990er-Jahren auf der Basis des âRahmenĂŒbereinkommens zum Schutz nationaler Minderheitenâ des Europarats mit verschiedenen realsozialistischen Staaten, vornehmlich des ehemaligen Ostblocks, vereinbart wurden. Das Abkommen mit DĂ€nemark bestimmt, dass erstens von dem Land, dessen StaatsbĂŒrger deutsche Volkszugehörige sind, kein Assimilationsdruck ausgeht, zweitens nicht die Erwartung besteht, dass aus deutschen Volkszugehörigen irgendwann deutsche StaatsbĂŒrger werden (können bzw. sollen), und dass drittens die Betroffenen allein entscheiden, ob sie als Deutsche gelten.
Siehe auch
:
Optantenvertrag
Kriegsfolgenbereinigungsgesetz
1992 wurde das Kriegsfolgenbereinigungsgesetz (KfbG) verabschiedet, nach dem Antragsteller in den osteuropĂ€ischen Staaten einen Vertreibungsdruck glaubhaft machen mĂŒssen, der aufgrund ihrer deutschen Volkszugehörigkeit auf ihnen lastet. Diese Benachteiligungen aufgrund von Kriegsfolgen waren bei Antragstellern aus Staaten wie Polen, RumĂ€nien oder der Tschechischen Republik nach dem Fall der Ost-West-Grenzen (âEiserner Vorhangâ) nur sehr schwer nachzuweisen. Bei SpĂ€taussiedlern aus den Nachfolgestaaten der ehemaligen Sowjetunion dagegen werden sie pauschal gesetzlich vermutet.cite-ref-bpb-21-0[21]
Kritiker weisen darauf hin, dass man in den spĂ€ten 1990er-Jahren kaum noch âvon âRusslanddeutschenâ als einer existierenden Volksgruppe sprechenâ könne. Denn nachdem âStalin die Wolgadeutsche Republik (1924â1941) abgeschafft hatte, erholten sich die Sowjetdeutschen als Volk nie ganz. Sie lebten darauf als eine verstreute, auĂerterritoriale Sowjet-NationalitĂ€t, deren Anzahl bereits durch Krieg, Hungersnot und Deportation dezimiert war und deren kulturelle Einrichtungen beinahe gar nicht existierten. Die Amnestie- und RehabilitationserlĂ€sse von 1955 und 1964 des Sowjetregimes scheiterten, den frĂŒheren offiziellen Status der Deutschen als halbautonome NationalitĂ€tengruppe wiederherzustellen. Beinahe 1,5 Millionen von den mehr als 2 Millionen Sowjetdeutschen, die in der 1989er sowjetischen VolkszĂ€hlung verzeichnet waren, sind seither in ihr neues âHeimatlandâ, Deutschland, ausgewandert. Viel wichtiger noch, die âRussifizierungâ wird fast uneingeschrĂ€nkt mit denen fortgefĂŒhrt, die sich dafĂŒr entschieden haben, zu bleiben.âcite-ref-22[22]
In jĂŒngster Zeit ist daher eine Tendenz zu beobachten, den Begriff âdeutsche Volkszugehörigeâ auch dann zu meiden, wenn es sich um Menschen in der ehemaligen Sowjetunion handelt. So berichtet die Bundeszentrale fĂŒr politische Bildung in ihrem Heft âAussiedlermigration in Deutschlandâcite-ref-bpb-21-1[21] davon, dass ânur noch jeder fĂŒnfte Einreisende [aus den Nachfolgestaaten der Sowjetunion] ĂŒber Deutschkenntnisse verfĂŒgtâ und dass man insofern die Bezugsgruppe, die dort noch lebe, als âDeutschstĂ€mmigeâ bezeichnen mĂŒsse. Da man aber âmit mehreren hunderttausend DeutschstĂ€mmigenâ rechne, âdie noch in den Staaten der ehemaligen Sowjetunion leben, aber in die Bundesrepublik kommen wollenâ, mĂŒsse man mit der Kategorie deutsche Volkszugehörigkeit restriktiv umgehen. Laut dem Migrationsbericht 2012 wurden 1817 Personen, vor allem aus der Russischen Föderation, als SpĂ€taussiedler anerkannt, es handelt sich also um ein inzwischen relativ kleines Segment unter den Zuwanderern nach Deutschland. Nichtdeutsche Familienangehörige konnten, analog zum Grundsatz der FamilienzusammenfĂŒhrung, ggf. mit ihren Angehörigen in die Bundesrepublik ausreisen.cite-ref-bamf-23-0[23]
Vertreter der deutschen Volksgruppe in SiebenbĂŒrgen hingegen verwahren sich gegen die Bezeichnung der in RumĂ€nien Verbliebenen als âDeutsch-RumĂ€nenâ und den Entzug des Status von âdeutschen Volkszugehörigenâ.cite-ref-24[24]
Juristische Definition des Begriffs âdeutscher Volkszugehörigerâ
Da Personen aus Ostmitteleuropa seit 1993, d. h. nach dem Ende der kommunistischen Herrschaft, kaum mehr als Aussiedler anerkannt werden können, spielt der Begriff der âdeutschen Volkszugehörigkeitâ heute rechtlich nur noch bei der Anerkennung von Menschen aus dem Gebiet der ehemaligen Sowjetunion als sog. SpĂ€taussiedler eine Rolle. Offizielle Darstellungen wie der Migrationsbericht 2012 des Bundesamtes fĂŒr Migration und FlĂŒchtlinge gehen davon aus, dass die (1941 von Stalin nach Sibirien zur Zwangsarbeit verschleppten) russlanddeutschen SpĂ€taussiedler âunter einem Kriegsfolgenschicksal gelitten habenâ.cite-ref-bamf-23-1[23] In diesem Rahmen erhielt § 6 des Bundesvertriebenengesetzes durch Beschlussfassung ĂŒber das Gesetz zur Klarstellung des SpĂ€taussiedlerstatus (SpĂ€taussiedlerstatusgesetz) vom 30. August 2001cite-ref-25[25] folgende Fassung:
(1)
Deutscher Volkszugehöriger im Sinne dieses Gesetzes ist, wer sich in seiner Heimat zum deutschen
Volkstum
bekannt hat, sofern dieses Bekenntnis durch bestimmte Merkmale wie Abstammung, Sprache, Erziehung, Kultur bestÀtigt wird.
(2)
Wer nach dem 31. Dezember 1923 geboren worden ist, ist deutscher Volkszugehöriger, wenn er von einem deutschen Staatsangehörigen oder deutschen Volkszugehörigen abstammt und sich bis zum Verlassen der Aussiedlungsgebiete durch eine entsprechende NationalitĂ€tenerklĂ€rung oder auf vergleichbare Weise nur zum deutschen Volkstum bekannt oder nach dem Recht des Herkunftsstaates zur deutschen NationalitĂ€t gehört hat. Das Bekenntnis zum deutschen Volkstum oder die rechtliche Zuordnung zur deutschen NationalitĂ€t muss bestĂ€tigt werden durch die familiĂ€re Vermittlung der deutschen Sprache. Diese ist nur festgestellt, wenn jemand im Zeitpunkt der Aussiedlung aufgrund dieser Vermittlung zumindest ein einfaches GesprĂ€ch auf Deutsch fĂŒhren kann. Ihre Feststellung entfĂ€llt, wenn die familiĂ€re Vermittlung wegen der VerhĂ€ltnisse in dem jeweiligen Aussiedlungsgebiet nicht möglich oder nicht zumutbar war. Ein Bekenntnis zum deutschen Volkstum wird unterstellt, wenn es unterblieben ist, weil es mit Gefahr fĂŒr Leib und Leben oder schwerwiegenden beruflichen oder wirtschaftlichen Nachteilen verbunden war, jedoch aufgrund der GesamtumstĂ€nde der Wille unzweifelhaft ist, der deutschen Volksgruppe und keiner anderen anzugehören.
Diese Klarstellung wurde im Rahmen der Beratungen im Deutschen Bundestag folgendermaĂen begrĂŒndet: âSpĂ€taussiedler wĂŒrden kaum noch als (ehemalige) Volksdeutsche wahrgenommen werden können, wenn sie ohne Deutschkenntnisse als solche anerkannt werden könnten; auĂerdem wĂŒrde ihre Integration zusĂ€tzlich erschwert. Denn insbesondere fehlende Deutschkenntnisse stellen sich bei den russlanddeutschen SpĂ€taussiedlerfamilien zunehmend als starkes Hindernis fĂŒr deren Integration in Deutschland heraus. Dadurch entstehen Belastungen fĂŒr die Sozialhaushalte, welche vor allem dann schwer zu erklĂ€ren sein werden, wenn die Anerkennung als SpĂ€taussiedler trotz fehlender Deutschkenntnisse möglich sein soll.âcite-ref-27[27]
Siehe auch
:
Deutsche Staatsangehörigkeit
Siehe auch
Literatur
âą Walter Fr. Schleser: Die Staatsangehörigkeit deutscher Volkszugehöriger nach deutschem Recht. In: Die deutsche Staatsangehörigkeit, 4. Auflage, Verlag fĂŒr Standesamtswesen, Frankfurt am Main 1980, ISBN 3-8019-5603-2, S. 75â118. (Mit einem Kartenbeiheft nebst Ăbersicht ĂŒber die Anzahl der deutschen Volkszugehörigen in ihren frĂŒheren Siedlungsgebieten)
⹠Paul Milata: Zwischen Hitler, Stalin und Antonescu: RumÀniendeutsche in der Waffen-SS. Böhlau, Köln 2007, ISBN 978-3-412-13806-6.
âą Doris L. Bergen: The Nazi Concept of 'Volksdeutsche' and the Exacerbation of Anti-Semitism in Eastern Europe, 1939â1945. In: Journal of Contemporary History, Volume 29, Issue 4 (Oktober 1994), S. 569â582.
âą Thomas Casagrande: Die volksdeutsche SS-Division âPrinz Eugenâ: Die Banater Schwaben und die nationalsozialistischen Kriegsverbrechen. Campus Verlag, Frankfurt am Main/New York 2003, ISBN 3-593-37234-7.
âą Jochen Oltmer: âHeimkehrâ? âVolksdeutsche fremder Staatsangehörigkeitâ aus Ost-, Ostmittel- und SĂŒdosteuropa im deutschen Kaiserreich und in der Weimarer Republik. EuropĂ€ische Geschichte Online, hrsg. vom Institut fĂŒr EuropĂ€ische Geschichte (Mainz), 2011 (PDF).
âą Samuel Salzborn, Heribert Schiedel: âNation Europaâ â Ethnoförderale Konzepte und kontinentale Vernetzung der extremen Rechten (PDF).
âą Georg Hansen: Die Ethnisierung des deutschen StaatsbĂŒrgerrechts und seine Tauglichkeit in der EU (PDF).
Weblinks
Commons
: Volksdeutsche
â Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien
Wiktionary: Volksdeutscher
â BedeutungserklĂ€rungen, Wortherkunft, Synonyme, Ăbersetzungen
âą Bundeszentrale fĂŒr politische Bildung: Die Bevölkerungsverschiebungen des 20. Jahrhunderts
âą Bundesverfassungsgericht: zur Frage Wer ist ein âdeutscher Volkszugehörigerâ?, BVerfG, 1 BvR 546/04 vom 20. April 2007, Absatz-Nr. 1â33
Einzelnachweise
cite-note-11. â Johann Böhm: Die deutschen Volksgruppen im unabhĂ€ngigen Staat Kroatien und im serbischen Banat: ihr VerhĂ€ltnis zum Dritten Reich 1941â1944. Peter Lang, 2012, ISBN 3-631-63323-8, S. 19.
cite-note-22. â Zit. nach Dieter Gosewinkel, in: von MĂŒnch, Die deutsche Staatsangehörigkeit: Vergangenheit â Gegenwart â Zukunft, Walter de Gruyter, Berlin 2007, ISBN 978-3-89949-433-4, S. 66, 149 f.
cite-note-33. â Ingo von MĂŒnch: Die deutsche Staatsangehörigkeit: Vergangenheit â Gegenwart â Zukunft, Walter de Gruyter, Berlin 2007, ISBN 978-3-89949-433-4, S. 271 f.
cite-note-44. â Zu dem Begriff siehe auch Ingo von MĂŒnch, Die deutsche Staatsangehörigkeit, de Gruyter, Berlin 2007, S. 150.
cite-note-55. â Georg Hansen: Die Ethnisierung des deutschen StaatsbĂŒrgerrechts und seine Tauglichkeit in der EU, S. 12 (PDF; 192 kB).
cite-note-66. â NĂ€her dazu Cornelia Schmitz-Berning: Vokabular des Nationalsozialismus. Nachdr. der Ausg. von 1998, de Gruyter, Berlin/New York 2000, ISBN 3-11-013379-2, S. 651.
cite-note-77. â Georg Hansen: Die Ethnisierung des deutschen StaatsbĂŒrgerrechts und seine Tauglichkeit in der EU, S. 13 (PDF; 192 kB).
cite-note-88. â Ursula FloĂmann: Ăsterreichische Privatrechtsgeschichte, 6. Aufl., Springer, Wien 2008, ISBN 978-3-211-74414-7, S. 32.
cite-note-99. â Dieter Gosewinkel: EinbĂŒrgern und AusschlieĂen (= Kritische Studien zur Geschichtswissenschaft, Bd. 150), 2. Aufl., Vandenhoeck & Ruprecht, Göttingen 2003, ISBN 3-525-35165-8, S. 404.
cite-note-1010. â Detlef Brandes, Holm Sundhaussen, Stefan Troebst: Lexikon der Vertreibungen. Deportation, Zwangsaussiedlung und ethnische SĂ€uberung im Europa des 20. Jahrhunderts. Böhlau, Wien/Köln/Weimar 2010, ISBN 978-3-205-78407-4, S. 710 f.
cite-note-1111. â OG der DDR. Das Urteil gegen Hans Josef Maria Globke vom 23. Juli 1963, S. 152 (Memento vom 7. April 2014 im Internet Archive) (PDF; 811 kB).
cite-note-1212. â OG der DDR. Das Urteil gegen Hans Josef Maria Globke vom 23. Juli 1963, S. 153 (Memento vom 7. April 2014 im Internet Archive) (PDF; 811 kB).
cite-note-1313. â Als SS-Braut ungeeignet, Der Spiegel Nr. 43/1989, 23. Oktober 1989.
cite-note-1414. â vdg.hr, abgerufen 2007, nicht mehr erreichbar
cite-note-1515. â FUEN: Deutsche Minderheit in Kroatien (Memento vom 24. November 2012 im Internet Archive)
cite-note-1616. â Ingo von MĂŒnch, Die deutsche Staatsangehörigkeit: Vergangenheit â Gegenwart â Zukunft, Walter de Gruyter, Berlin 2007, ISBN 978-3-89949-433-4, S. 110.
cite-note-1717. â Geschichte der Russlanddeutschen. Deutsche Volkszugehörigkeit.
cite-note-1818. â Bundesministerium des Innern: Allgemeine Verwaltungsvorschrift zum Bundesvertriebenengesetz (BVFG-VwV). 19. November 2004 (GMBl S. 1059).
cite-note-1919. â OG der DDR. Das Urteil gegen Hans Josef Maria Globke vom 23. Juli 1963, S. 136 (138) (Memento vom 7. April 2014 im Internet Archive) (PDF; 811 kB).
cite-note-2020. â Deutsch-dĂ€nisches Abkommen vom 29. MĂ€rz 1955. Abschnitt II/1, S. 4 (PDF).
cite-note-bpb-2121. â Bundeszentrale fĂŒr politische Bildung: Aussiedlermigration in Deutschland, 2005.
cite-note-2222. â Gerd Stricker: Deutsche Geschichte im Osten Europas: RuĂland, 1997.
cite-note-bamf-2323. â Migrationsbericht 2012 (PDF)
cite-note-2424. â Leserecho: Deutsche â DeutschstĂ€mmige â DeutschrumĂ€nen, SiebenbĂŒrgische Zeitung vom 26. August 2006.
cite-note-261. Georg Hansen: Die Ethnisierung des deutschen StaatsbĂŒrgerrechts und seine Tauglichkeit in der EU, S. 17 (PDF; 192 kB).
cite-note-2727. â Deutscher Bundestag: Bericht der Abgeordneten GĂŒnter Graf (Friesoythe), Hartmut Koschyk, Marieluise Beck (Bremen), Dr. Max Stadler und Ulla Jelpke, Drucksache 14/6573, 4. Juli 2001 (PDF; 86 kB).